Eines vorweg: Die Brennweite ist die Brennweite ist die Brennweite. (Wer hier an Gertrude Stein denkt, liegt nicht verkehrt.) Die Brennweite bzw. der Brennweitenbereich eines Objektivs ändert sich nicht, wenn man es an Kameras mit unterschiedlich großen Aufnahmeformaten einsetzt. Aber die Wirkung der Brennweite ändert sich.
In diesem Zusammenhang rächt es sich, dass sich neben der Lichtstärke die Brennweite als Kenngröße eines Objektivs durchgesetzt hat. Denn die Brennweite sagt nichts darüber aus, wie ein Motiv auf den Sensor (oder Film) abgebildet wird.
Der Bildwinkel hängt von der Brennweite und der Sensorgröße ab. Verringert man die Sensorgröße genügt eine kürzere Brennweite, um einen bestimmten Bildwinkel zu erfassen (3 und 5).
Ein 2 m hohes Objekt in 10 m Entfernung wird von einem Objektiv mit 50 mm Brennweite immer 10 mm hoch abgebildet. Erfolgt die Abbildung auf einem 16 mm hohen APS-C-Sensor, sind 10 mm viel. Erfolgt die Abbildung auf einem 24 mm hohen Vollformatsensor, wirkt das Objekt schon kleiner und es kommt mehr Umfeld ins Bild. Und auf einem 36 mm hohen Mittelformatsensor wirkt das Objekt noch kleiner und es kommt noch mehr Umfeld ins Bild. (Bei den genannten Sensorhöhen gehen wir natürlich von einer Querformataufnahme aus.)
Aus Brennweite und Sensorgröße (bzw. Filmgröße) ergibt sich der Bildwinkel. Der Bildwinkel sagt sehr deutlich aus, welcher Teil der Umwelt erfasst und auf das Aufnahmemedium projiziert wird. Er ist damit einerseits wesentlich aussagekräftiger als die Brennweite, aber nicht unveränderlich wie jene. Ändert man Brennweite und Aufnahmeformat um den gleichen Faktor, bleibt der Bildwinkel gleich.
Ein Winkel von beispielsweise 10° erfasst nur einen kleinen Teil der Umwelt und gehört zu einem Fernoder Teleobjektiv, ein Winkel von 84° erfasst einen großen Teil der Umwelt und gehört zu einem Weitwinkelobjektiv - egal, ob das Bild auf einen APS-Coder einen Mittelformatsensor projiziert wird.
Daraus folgt, dass verschiedene Aufnahmeformate unterschiedliche Brennweiten benötigen, um einen bestimmten Bildwinkel abzudecken. Beispielsweise erzielt man denselben gemäßigten Weitwinkeleffekt (Bildwinkel 63°) bei einer Vollformatkamera mit 35 mm Brennweite, bei einer APS-C-Kamera mit rund 24 mm, bei einer 4/3-Kamera mit rund 18 mm und an einer Kompaktkamera mit 1/2,5“-Sensor sind es rund 5,2 mm. Das heißt: Je kleiner der Sensor wird, desto kürzer muss die Brennweite werden, wenn der Bildwinkel und damit der abgebildete Ausschnitt aus der Umwelt gleich bleiben soll.
Das ist natürlich keine Erfindung der digitalen Fotografie, sondern galt schon in der Film-Ära. Aber damals spielte sich der größte Teil der Fotografie mit SLR- und Kompaktkameras auf der Kleinbildebene ab und es gab praktisch keine Objektivüberschneidungen zwischen Kleinbild- und Mittelformatsystemen. Es war also nicht nötig, sich über die unterschiedliche Wirkung einer Brennweite bei verschiedenen Formaten Gedanken zu machen.
Seit der digitalen Revolution sieht die Sache etwas anders aus. Erstens gibt es eine Vielzahl von Sensorformaten - von den ganz winzigen bei den Kompaktkameras über 4/3 bis APS-C, die alle kleiner sind als das Voll-/Kleinbildformat. Also sind Anfang 2009 bei den allermeisten Kameras kürzere Brennweiten nötig, um die aus der Kleinbildfotografie bekannten Effekte zu erzielen. Außerdem können viele Objektive, die für Kleinbild gerechnet wurden, an APS-C-Kameras angesetzt werden. Sie behalten dabei natürlich ihre Brennweite bei - bringen aber eine andere Wirkung.
Ob man nun an einer Kamera mit kleinem Sensor ein Objektiv nutzt, das speziell für dieses kleinere Format entwickelt und gerechnet wurde, oder ob man ein ursprünglich für Kleinbild gerechnetes Objektiv an eine APS-C- oder 4/3-Kamera ansetzt - die angegebene echte und unveränderliche Brennweite bringt nicht den Effekt, den viele Fotografen nach jahrelangem Einsatz von Kleinbildkameras erwarten.
Ein im Vergleich zu Kleinbild kleinerer Sensor erfasst einen kleineren Bildausschnitt und die Brennweite scheint sich verlängert zu haben. Diese scheinbare Brennweitenverlängerung ist auch als „Crop“ bekannt.
Wie groß der Crop-Faktor ausfällt, hängt von der Sensorgröße ab. Zur Bestimmung des Crop-Faktors wird die Länge der Diagonalen des KB-Formats durch die Länge der Diagonalen des kleineren Formats dividiert. Er liegt bei APS-C-Kameras bei 1,5x bis 1,6x, bei den seltenen APS-H-Kameras bei 1,3x und bei 4/3-Kameras bei 2x. Mit 50 mm Brennweite erzielt man also an einer Kleinbildkamera die bekannte „neutrale“ Wiedergabe des Motivs (50 mm Standardobjektiv), an einer APS-C-Kamera eine leichte und an einer 4/3-Kamera eine deutlichere Telewirkung. An Kompaktkameras mit ihren winzigen Sensoren ist der Teleeffekt bei 50 mm Brennweite dann sehr stark ausgeprägt.
Umgekehrt benötigt man ein Objektiv mit etwa 33 mm Brennweite an einer APS-C-Kamera bzw. mit 25 mm Brennweite an einer 4/3-Kamera, um den Effekt zu erzielen, den ein 50-mm-Standardobjektiv an einer Vollformat- oder Kleinbildkamera bietet. Das heißt: Man muss auch bei Objektiven, die speziell für den Einsatz an Kameras mit kleinem Sensor entwickelt wurden, den Crop-Faktor einrechnen, um sie mit Kleinbild-/Vollformatobjektiven vergleichen zu können.
Um all dem Rechnung zu tragen, wird in der Regel zusätzlich zur echten Brennweite die entsprechende Kleinbildbrennweite mit angegeben. Das erleichtert die Einordnung des Objektivs. In der d-pixx steht dann „[@KB]“ hinter der Brennweitenangabe.
Kompakt- und All-in-One-Kameras sind mit fest eingebauten Objektiven ausgestattet, meistens handelt es sich um Zooms, auf denen die echten, sehr kurzen Brennweiten angegeben sind und Rätsel aufgeben, welche Wirkung man damit erzielen kann. Für die Kameras des 4/3- bzw. Micro 4/3-Systems stehen nur systemeigene Objektive zur Verfügung, die auf den kleinen Sensor abgestimmt sind. Ihre Brennweite muss mit 2 multipliziert werden, um die passende KB-Brennweite zu ermitteln. Für die Leica M8/M8.2 gibt es nur die auf Vollformat abgestimmten Objektive mit M-Bajonett, natürlich von Leica selbst, aber auch von Voigtländer (aus dem Bessa R-System) und Zeiss (aus dem Zeiss Ikon Kamera-System). Diese Kameras haben mit ihrem 18x27 mm großen Sensor einen Crop-Faktor von 1,33x.
Wussten Sie ...
… dass das Voigtländer Zoomar 2,8/36-82 mm das erste Fotoobjektiv mit variabler Brennweite war? Es kam 1959 auf den Markt, gefolgt vom Nikon Nikkor 4-4,5/85-250 mm. Das erste Superzoom war das Tokina 3,5-4,5/35-200 mm, das 1982 vorgestellt wurde (und das ich in Color Foto 7/1982 unter dem Titel „Das Weitwinkeltele“ besprach).
... dass im Online-Wörterbuch http://dict.leo.org/ unter „crop“ 130 Treffer angezeigt werden - von denen aber keiner mit Fotografie oder guter alter Labortechnik zu tun hat? Unserer Bedeutung von „Ausschnittsvergrößerung“ kommen Übersetzungen wie „Schnittmarke“ (für „crop mark“) oder „der Schnitt“ am nächsten. Interessant: Der Kornkreis (von diesem Phänomen hat man Anfang 2009 schon lange nichts mehr gehört) heißt „crop circle“.
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