Superteles – ganz weit weg

Früher waren Superteleobjektive mit Brennweiten von 300 mm und mehr selten und meist sehr teuer. Ausnahmen wie die berühmte „Wundertüte“ (Beroflex 8/500 mm), das in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf den Markt kam, bestätigen die Regel. Mitte 2009 findet man Brennweiten von über 400 mm, 500 mm und 600 mm [@ KB] in den Zooms der All-in-One-Kameras aller großen Hersteller. Superzooms wie das Tamron 18-270 mm bringen es an D-SLRs mit APS-CSensoren auf über 400 mm [@KB] – und alle diese Zooms bieten dazu stufenlos die Brennweiten ab Weitwinkel. Das Olympus Zuiko-Digital Kompakt 4-5,6/40-150 mm kommt bis 300 mm Brennweite [@KB], wiegt aber nur 260 g und ist kaum größer als ein Standardzoom. Das größere Modell ED 4-5,6/70-300 mm hat bezogen auf Kleinbild einen Brennweitenbereich von 140-600 mm, ist aber immer noch handlich. Im Gegensatz zur erwähnten Wundertüte haben die neuen Objektive Autofokus und sind mit Bildstabilisatoren ausgestattet bzw. mit kamerainternen Stabilisatoren kombiniert. Das heißt: Tier- und Sportfotografen haben es leicht, ihre weit entfernten Motive groß ins Bild zu bekommen. Enger Bildwinkel und schmale Schärfenzone erleichtern die Konzentration aufs Wesentliche noch mehr als bei den Telebrennweiten.

 

Tier- und Sportfotografie wurden als Einsatzgebiete für die Supertelebrennweiten schon genannt, aber natürlich kann man auch sie „gegen den Strich bürsten“. So werden für Modeaufnahmen immer wieder lange Brennweiten eingesetzt, um die Models vor einem fluffigen Hintergrund und ohne ablenkendes Umfeld in Szene zu setzen, und es gibt keinen Grund, dies nicht auch einmal auf eigene Aufnahmen von Personen zu übertragen. Und natürlich kann man in der Landschaftsfotografie wegen des stark raffenden Effekts der langen Brennweiten ganz besondere Effekte erzielen. Sonnenauf- oder -untergänge mit einem großen Sonnenball über dem Horizont sind mit Supertelebrennweiten gut zu fotografieren, obwohl riesige rote Sonnenbälle über dem Horizont nur mit wirklich langen Brennweiten aufgenommen werden können.

Generell gilt für lange und superlange Brennweiten, dass Landschaftsaufnahmen (mit oder ohne Sonnenuntergang) oft schlechter ausfallen, als man bei der Aufnahme erwartet hat. Das liegt dann aber nicht an der Qualität des Objektivs, sondern an den äußeren Umständen. Bei Aufnahmen ferner Motive wird auch die Luft zwischen Kamera und Motiv mitfotografiert – inkl. Schmutz, Dunst oder Schlieren, die von aufsteigender warmer Luft gebildet werden. Aufsteigende warme Luft kann übrigens selbst ein Motiv sein. In dieses Umfeld gehören Fahrzeuge, die sich auf einer erwärmten Straße nähern (Vorsicht walten lassen! Das schönste Bild taugt nichts, wenn es das letzte vor dem Unfall war!), aber auch am warmen Sandstrand oder über warmen Gewässern können interessante Effekte auftreten.

 

Tipp

Gewicht bringt Stabilität. Wenn man sich für ein leichtes Stativ entschieden hat, kann man Gewicht hinzufügen, indem man die Fototasche daranhängt oder eine Einkaufstasche, in die man vor Ort gefundene Steine oder – etwa am Strand – Sand füllt. Diese Zusatzgewichte dürfen nicht schwingen, denn das wäre kontraproduktiv!

 

Tele- und Superteleobjektive kann man zudem gut für Detailbilder aus mittleren Enternungen und sogar für „Nahaufnahmen“ einsetzen. Gegebenenfalls kann man das Objektiv mit einer Nahvorsatzlinse versehen und damit die Nahgrenze verlagern. Die Anführungszeichen sind nötig, da man zwar einerseits die für Nahaufnahmen typischen großen Abbildungsmaßstäbe erzielt, andererseits aber aus größeren Entfernungen von 30, 40, 50 cm oder mehr arbeitet. Besonders für Bilder von Insekten ist das sehr praktisch, da die Tiere so nicht fliehen. Außerdem ist der größere Abstand interessant, wenn man kleine Motive ausleuchten möchte.

 

Je länger die Brennweite ist, desto wichtiger ist der Blick auf die Verschlusszeit. Auch wenn Bildstabilisatoren in Objektiven oder Kameras sehr effektiv arbeiten, besteht immer noch die Gefahr der Verwacklung. Die Faustformel für unverwackelte Aufnahmen aus freier Hand lautet, wie schon angesprochen, „eins geteilt durch Brennweite“ und je nach Stabilisator und eigener körperlicher Verfassung kann man den so gefundenen Wert um zwei, drei und in seltenen Fällen vier Stufen verlängern. Trotz dieser Errungenschaft ist ein gutes Stativ für viele Tele- und Superteleaufnahmen immer noch unverzichtbar. „Gut“ heißt in diesem Fall, dass möglichst viel der nötigen Arbeitshöhe durch die Länge der Stativbeine erzielt werden sollte und nur ein kleiner Anteil über die Mittelsäule. Sehr angenehm ist, wenn man aufrecht stehend ins Okular der waagrecht ausgerichteten Kamera schauen kann, ohne die Mittelsäule hochzufahren. Dann kann man mit ausgezogener Mittelsäule nach oben fotografieren, ohne (zu sehr) in die Knie gehen zu müssen. Außerdem sollte das Gewicht von Stativ und Kopf ein guter Kompromiss aus Standfestigkeit und Tragbarkeit sein. Die maximale Belastbarkeit sollte über dem Wert liegen, den der aktuelle Stativkopf, das Kameragehäuse und das derzeit schwerste Objektiv der Ausrüstung gemeinsam auf die Waage bringen, dann ist man auf der sicheren Seite, wenn einmal ein größeres und schwereres Tele(zoom) angeschafft wird.

 

Tipp

Schauen Sie bei der Entscheidung für ein langes Objektiv auch danach, ob es Innenfokussierung aufweist, beim Fokussieren also die Länge beibehält. Je länger das Objektiv beim Fokussieren in die Nähe wird, desto eher gerät es aus dem Gleichgewicht. Es wird „frontlastig“, was der Handhabung bei Freihandaufnahmen nicht zuträglich ist und bei Stativ-Aufnahmen dafür sorgen kann, dass die Aufnahmeeinheit nach dem Anziehen der Feststellschraube noch ein Stückchen nach vorn kippt.

 

Viele Festbrennweiten oder Zooms mit langen und superlangen Brennweiten sind mit Stativringen oder Stativgondeln ausgestattet, die ein oder zwei Stativgewinde aufweisen. Wenn man diese Gewinde nutzt, um die Objektiv/Kamera-Kombination auf dem Stativkopf zu befestigen, entlastet man das Kamerabajonett und die Aufnahmeeinheit ist von vornherein im Gleichgewicht (oder zumindest ziemlich gut im Gleichgewicht). Ist das nicht der Fall, muss man Objektiv und Kamera beim Ausrichten stärker stützen und nach dem Anziehen der Feststellschraube verrutscht der Bildausschnitt ein bisschen (oder auch etwas mehr als ein bisschen).

 

Hat ein langes, schweres Objektiv keinen Stativring, kann ein Einstellschlitten Abhilfe schaffen. Einstellschlitten werden in erster Linie zwar im Makrobereich eingesetzt, können aber für Teleaufnahmen zweckentfremdet werden. Der Einstellschlitten wird auf dem Stativkopf befestigt und trägt seinerseits die Kamera, die stufenlos vor- und zurückbewegt werden kann. So lässt sich der Bildausschnitt optimieren, ohne das Stativ bewegen zu müssen. Setzt man nun eine Kamera mit langem Objektiv auf den Einstellschlitten und schiebt sie nach hinten, verlagert man den Schwerpunkt und kann die Aufnahmeeinheit ins Gleichgewicht bringen.

 

INFO

Wie groß Sonne oder Mond auf den Sensor kommen, kann man nach der Faustformel „etwas kleiner als echte Brennweite in Millimetern geteilt durch 100“ überschlagen. Mit einem 300er kommen Sonnenball oder Mondkugel nur rund 2,8 mm groß auf den Sensor (oder auf den Film). Für die großen Abbildungen, die immer wieder in Naturdokus im Fernsehen zu bewundern sind, braucht man also wirklich lange Brennweiten. Interessant wird es ab etwa 1200 mm, was man durch den Einsatz von Telekonvertern erreichen kann. Soll die Sonne ganz in einem APS-C-Bild erscheinen, braucht man eine Brennweite von rund 1600 mm, bei Vollformat von rund 2500 mm. Dazu der Tipp, dass beim Drucken einer Ausschnittsvergrößerung der Größeneindruck natürlich „nach oben“ korrigiert werden kann.

 

Wussten Sie, ....

... dass die Bewegung der Kamera während der Belichtung als „verreißen“ bezeichnet wurde (analog zum Schießen), während man es „verwackeln“ nannte, wenn sich eine Person (oder auch ein Gegenstand) vor der Kamera während der Belichtung bewegte und damit Unschärfen herbeiführte? Heute ist praktisch nur noch „verwackeln“ gebräuchlich.

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