Tiefe übersteigern oder raffen?

Da die Perspektive vom Standort und nicht von der Brennweite abhängig ist, kann es keine Weitwinkelperspektive geben! Aber es gibt etwas Ähnliches - nennen wir es einfach „Weitwinkelsehweise“. Nehmen wir als Beispiel einen Gartenzaun mit dicken Pfosten alle drei Meter. Nimmt man ein Bild im spitzen Winkel aus drei Meter Entfernung zum ersten Pfosten auf, ist der zweite sechs Meter entfernt, also doppelt so weit, und er kommt halb so groß ins Bild, wie der erste. Geht man nun auf einen Meter fünfzig an den ersten Pfosten heran, bringt die gleiche Brennweite ihn größer ins Bild, als bei der ersten Aufnahme. Man ist ja näher dran. Gleichzeitig ist aber der zweite Pfosten 4,5 m weit von der Sensorebene entfernt, dreimal weiter als der vordere Pfosten, und er wird nur noch ein Drittel so groß abgebildet. Er wirkt weiter weg und das sorgt für eine größere Tiefenwirkung als beim ersten Bild.

 

 

Das gilt zwar für alle Brennweiten, aber gerade mit Weitwinkelobjektiven kann man sehr nah an ein Objekt herangehen und es trotz der geringen Entfernung ganz erfassen. Es kommt dann im Vordergrund sehr groß ins Bild, Objekte im Hintergrund wirken sehr klein und die Tiefenwirkung ist sehr ausgeprägt. Genau das wird oft - nicht korrekt aber anschaulich - als steile „Weitwinkelperspektive“ bezeichnet.

Während kurze Brennweiten also für „Tiefe“ in den Bildern sorgen, haben lange Brennweiten eine raffende Wirkung. Das hat schon wieder nichts mit der Perspektive zu tun (die ist auch bei Teleaufnahmen nur vom Standort abhängig), sondern mit der bereits angesprochenen Tatsache, dass von zwei gleich großen Objekten jenes nur halb so groß erscheint, das doppelt so weit weg ist. Nehmen wir als Beispiel wieder unseren Gartenzaun mit den dicken Pfosten im Drei-Meter-Takt. Macht man die Aufnahme nicht aus drei, sondern aus 12 Meter Abstand, ist der erste Pfosten 12 und der zweite 15 Meter entfernt, also nicht doppelt so weit, sondern nur 1,25x so weit wie der erste. Entsprechend wird er nicht halb so groß, sondern 2/5 so groß abgebildet - er wirkt näher. Auch das gilt wieder für alle Brennweiten. Aber mit einer langen Brennweite kann man ein Objekt aus großer Entfernung formatfüllend abbilden, weiter entfernt liegende Motivteile rücken im Bild näher heran - und das wird dann „Teleperspektive“ genannt.

 

TIPP

Wenn Sie einen Raum groß ins Bild bringen wollen, sollten Sie eine kurze Brennweite nutzen und nicht aus Augenhöhe fotografien. Das ist übrigens auch der Trick, mit dem man ein eher kleines Hotelzimmer im Reisekatalog geräumig erscheinen lassen kann. Auch das Bett sieht wesentlich breiter aus, als es dann in Wirklichkeit ist. Die „Teleperspektive“ nutzen z. B. Sportfotografen, die einen eng geschlossenen Pulk von Marathonläufern, Rennradlern oder auch Formel-1-Autos zeigen wollen. Aus großer Entfernung mit einem langbrennweitigen Objektiv aufgenommen rücken die Läufer, Radler oder Autos, zwischen denen in Wirklichkeit ordentliche Abstände liegen, im Bild wirkungsvoll nah zusammen.

 

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