Die Domäne der Objektive mit kurzen Brennweiten von 35 mm bis etwa 24 mm sind natürlich jene Gelegenheiten, bei denen man viel aufs Bild bringen möchte und/oder wenig Platz zwischen Motiv und Aufnahmestandort ist. Der Überblick über eine Landschaft ist mit ihnen ebenso möglich wie die Aufnahme eines Raumes oder das Architekturfoto. Wichtig ist dabei, dass man die Kamera richtig ausrichtet, was besonders bei Aufnahmen mit Kompaktkameras, die keinen Sucher haben, nicht immer einfach ist. Wenn es angeboten wird, sollte man Hilfslinien in den Monitor einblenden. Einige Kameras weisen auch eingebaute „elektronische Wasserwaagen“ auf, die die Arbeit erleichtern. Bei Aufnahmen vom Stativ kann der Griff zu einer Zubehörwasserwaage (entweder altmodisch mit einer oder zwei Libellen oder modern mit LEDs) helfen, was jedoch voraussetzt, dass die Kamera einen Blitz-/Zubehörschuh aufweist. Bei Architekturaufnahmen sind stürzende Linien, über die bereits berichtet wurde, eher akzeptabel, wenn das Gebäude nicht auch noch windschief steht. Bei Architekturaufnahmen von außen sollte zudem darauf geachtet werden, dass das Licht richtig fällt. Leicht seitlich einfallendes Licht bringt Strukturen in einer Fassade durch das Spiel von Licht und Schatten besser heraus. Perfektionisten schauen auf dem Stadtplan oder einer Online-Karte, wie die Fassade ausgerichtet ist und wann die Sonne optimal steht. Bei Innenaufnahmen erfasst der große Bildwinkel, besonders beim Einsatz von Superweitwinkelobjektiven, meist auch Fenster. Um zu verhindern, dass sie als „ausgefressene“ weiße Flächen ins Bild kommen, sollte man die Belichtung etwas nach Minus korrigieren oder die Möglichkeiten der HDR-Technik nutzen (auf diese Themen kommen wir in einer späteren Folge zurück).
In der Landschaftsfotografie soll die waagrechte Ausrichtung der Kamera natürlich verhindern, dass im Bild der Horizont nach links oder rechts hängt und dass bei Aufnahmen vom Meer oder von Seen das Wasser „aus dem Bild läuft“. Wenn das nicht gelungen sein sollte, bieten schon einfache Bildbearbeitungsprogramme die Möglichkeit, das Bild auszurichten – und das sollte man auch dann tun, wenn man eher auf „Fotografie pur“ statt „Bilderschrauben“ steht (ebenso, wie man ggf. Belichtung, Kontrast und Farben optimiert, wenn die Aufnahme ein bisschen danebenliegt).




Dass Objektive mit kurzen Brennweiten, wie ebenfalls bereits angesprochen, den Vordergrund betonen und groß ins Bild bringen, lässt sich gut nutzen, um dem Bild ein bisschen mehr Spannung zu geben, indem man einen Busch, einen Weidezaun oder im Herbst einen Heuballen in den Vordergrund setzt. Ob man diesen „Eyecatcher“ im Vordergrund mit in die Schärfe nimmt oder nicht, kann man bei Weitwinkelbrennweiten und Sensorgrößen zwischen 4/3 und Vollformat in Maßen mit der Blende steuern. Mit Superweitwinkeln und Kameras mit kleinen Sensoren ist es deutlich schwieriger, etwas aus dem Schärfenbereich zu schubsen.
Dass Weitwinkel- und Superweitwinkelbrennweiten zusammen mit kleinen Blenden für eine große Ausdehnung der Schärfenzone sorgen, lässt sich in der täglichen Praxis natürlich sehr gut nutzen, wenn es darum geht, ein Motiv von vorn bis hinten scharf ins Bild zu bekommen. Beispiele sind Architekturbilder, bei denen die „stürzende Fassade“ von unten bis oben scharf erfasst wird, Fotos von Altstadtgassen, die auch die Pflastersteine vor der Frontlinse scharf zeigen oder Aufnahmen von liegenden Personen von den Füßen her, was zu Porträts der etwas anderen Art führt.
Wenn man mit einer kürzeren Brennweite den Überblick aufnimmt und gleich darauf mit einer längeren Brennweite ein Detail oder mit längeren Brennweiten einige Details, ergibt das bei der Präsentation der Fotos spannende Bildpaare oder Bildfolgen. Gerade mit Zooms ist dieses Vorgehen kein Problem.
Aber natürlich lassen sich mit Weitwinkelbrennweiten Personen auch natürlich ins Bild bringen. Bei einzelnen Personen ist es wichtig, dass keine Körperteile sehr nah vor der Frontlinse sind und dass man einen genauen Blick auf das Sucherbzw. Monitorbild wirft. Wirken bei einer Aufnahme aus Augenhöhe die Füße des Modells unnatürlich klein, geht man entweder mit der Kamera ein wenig nach unten oder man vergrößert den Abstand. Bei Gruppenaufnahmen sollte man ausnahmsweise das Motiv – also die Gruppe – nicht möglichst formatfüllend aufnehmen. Personen am Rand werden bei Weitwinkelaufnahmen etwas breiter abgebildet, was nur selten auf Gegenliebe bei betroffenen Herren und noch viel weniger bei betroffenen Damen stößt. Das Phänomen heißt „Verzerrung“ und hat nichts mit „Verzeichnung“ zu tun, auf die wir noch zurückkommen.
Weitwinkel und Superweitwinkelobjektive sind auch für Aufnahmen in der Dämmerung gut geeignet – besonders gut natürlich die lichtstarken Exemplare, aber auch jene mit einer durchschnittlichen Anfangsöffnung. Die sogenannte Freihandformel sagt ja, dass man unverwackelte Aufnahmen machen kann, wenn die Verschlusszeit dem Kehrwert der Brennweite entspricht, wobei man locker unter den Tisch fallen lässt, dass die Benennungen (Sekunden im einen Fall, Millimeter im anderen) nicht so recht zusammenpassen. Im Zeitalter der Digitalkameras und der vielen unterschiedlichen Sensorgrößen muss noch hinzugefügt werden, dass mit „Brennweite“ die entsprechende Kleinbildbrennweite (bei d-pixx: Brennweite [@KB]) gemeint ist. Man kann also mit 28 mm Brennweite [@KB] fast immer davon ausgehen, dass man mit 1/25 Sek. unverwackelte Bilder machen kann, meist sogar mit 1/15 Sek. – hier spielt die eigene körperliche Verfassung eine Rolle und ob man die Aufnahme vielleicht während einer Bergwanderung oder während eines geruhsamen Stadtbummels macht. Zieht man noch in Betracht, dass viele Kameras oder Standardzooms mit Bildstabilisatoren ausgestattet sind, sind stimmungsvolle Dämmerungsaufnahmen aus freier Hand kein Problem.
Bei Gruppenbildern sollte man immer einige Aufnahmen mehr machen, und zwar in schneller Folge, damit die Mitglieder der Gruppe sich möglichst wenig bewegen. Dann kann man per Software (Adobe Photoshop Elements 7 beherrscht das sehr gut) Köpfe aus verschiedenen Bildern ins „Hauptbild“ holen und dafür sorgen, dass dort alle die Augen offen haben und dass möglichst viele lächeln.
Die Brennweiten um 35 mm oder 28 mm (jeweils [@KB]) sind auch hervorragende Reportagebrennweiten. Man kann etwa bei Umzügen oder Festen sehr gut im Getümmel Bilder machen und muss noch nicht einmal durch den Sucher oder auf den Live-View-Monitor schauen. Mit ein bisschen Übung bekommt man auch „aus der Hüfte“ das ins Bild, worauf es einem ankommt. Hier kann man sich für die Scharfstellung entweder auf AF-Systeme verlassen, die mehrere Messfelder haben, oder die sogenannte hyperfokale Einstellung nutzen. Hyperfokale Einstellung bedeutet, dass man Blende und Entfernung so festlegt, dass mit der gegebenen Brennweite beispielsweise alles von 2 m bis unendlich oder von 1 m bis 5 m scharf abgebildet wird. Dann kann es nicht passieren, dass eines der AF-Messfelder etwas erfasst, auf das es nicht ankommt. Diese Vorgehensweise ist natürlich nur möglich, wenn man Blende und Entfernung manuell einstellen kann. Einige wichtige Werte finden Sie in dieser kleinen Tabelle rechts, die wir mithilfe des Schärfenzonenrechners auf www. dofmaster.com erstellt haben. Unter dieser Adresse können Sie weitere Einstellungen berechnen lassen oder feststellen, wie groß die Ausdehnung der Schärfenzone mit einer bestimmten Sensor- Brennweiten-Blendenkombination ist.
Ein kurzer Vorgriff auf das Thema „Schärfenzone“ (auch als „Schärfentiefe“ oder „Tiefenschärfe“ bekannt), auf das wir später im Zusammenhang mit dem Einfluss der Blende auf die Belichtung und die Bildgestaltung zurückkommen werden:
Die Ausdehnung der Schärfenzone ist …
… bei großen Blenden kleiner als bei kleinen Blenden,
… bei langen Brennweiten kleiner als bei kurzen Brennweiten,
… bei kleinen Entfernungen kleiner als bei großen Entfernungen und
… bei großen Aufnahmeformaten kleiner als bei kleinen Aufnahmeformaten,
wenn die jeweils anderen drei Faktoren unverändert bleiben. Aber natürlich können sich die einzelnen Faktoren gegenseitig beeinflussen.
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